Dynamo Dresden ist in die zweite Bundesliga aufgestiegen. Während im Stadion gefeiert wird, eskaliert die Situation davor. Aber warum?

Flaschen, Steine, Holzpfähle und Bauzäune - all das und noch viel mehr warfen gewaltbereite Dynamo Fans am 16. Mai 2021 auf Polizisten. Eine Woche ist das nun her und ich habe versucht, meine Erlebnisse zu reflektieren. Es bleibt aber noch immer eine Frage unbeantwortet: Wieso wird nicht konsequenter vorgegangen?

Rückblick: Es war der Vormittag des 16. Mai 2021. Ich habe lecker gefrühstückt und mich für die Arbeit bereit gemacht. Ich wusste, was auf mich zukommt. Dynamo Dresden spielt - leider wegen der Corona-Pandemie noch immer ohne Zuschauer - und könnte heute den Aufstieg schaffen. Deswegen rechnete die Polizei mit zahlreichen Fans, die in der Nähe des Stadions feiern könnten. Entsprechend energisch war man auch in der Kommunikation vor dem Tag - von Seiten der Polizei hieß es, dass etwaige Versammlungen sofort unterbunden werden sollen. Doch nur ein Blick in die sozialen Netzwerke reichte, und mir wurde deutlich, dass es heute ein außergewöhnlicher Einsatz werden wird.

13:00 Uhr

Ich bin vor dem Stadion angekommen - oder genauer gesagt knapp 200 Meter davor im Großen Garten, dem Volkspark in Dresden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon unzählige Fans versammelt. Laut Polizei knapp 2.000. An einer nahegelegenen Fan-Kneipe standen dann noch einmal mehrere hundert Fans. Im Chor riefen sie "Dynamo, Dynamo" und "Aufstieg, Aufstieg". Man hätte aber meinen können, dass die Corona-Pandemie vorbei ist. Nur wenige Fans trugen eine Maske, auf Abstände achtete niemand. Die Polizei tolerierte das mehr oder weniger. Man erklärte mir, dass man zu Beginn sehr wohl darauf geachtet hätte, die Regeln einzuhalten. Dann wären es aber zu viele Fans geworden und die Polizei konnte nichts mehr machen außer nur zuzusehen. Okay, dachte ich mir, dass ist ja auch nicht schlimm - immerhin wird hier friedlich "gefeiert" und auf vielen Handy- und Fußballbildschirmen das Spiel geschaut.

15:00 Uhr

So langsam merkte ich aber, dass sich die Stimmung mehr und mehr auflud. Es wurden Fackeln und Bengalos gezündet. Der Große Garten war zeitweise von einer dicken, gelben Rauchwolke umhüllt. Die Fans wurden zunehmen lauter und hektischer, jubelten wild herum als Tore fielen. Auf einmal rückten zwei Einheiten der Polizei, die eigentlich direkt hinter mir standen, ab. Sie stürmten regelrecht vor das Stadion. Ich hinterher. Auch das Stadion war von einer dicken Nebelwolke umhüllt. Es knallte und man hörte einzelne Polizisten, die Kommandos gaben. Dann zog der Nebel weg und gab den Blick auf die Straße frei. Die Polizisten zogen wieder ab. Wie mir erst Minuten später klar wurde, war das der Angriff der gewaltbereiten Hooligans, die sich Zutritt zum Stadion verschaffen wollten. Angeblich 500 Personen hatten sich formiert - erfolglos. Doch es war auch der Beginn einer "Jagd" durch den Großen Garten.

15:45 Uhr

Wenige Sekunden später bewegten sich wieder mehrere Polizistenteams - diesmal in den Großen Garten. Als ich hinterherlief, mit Presseausweis und Mikro in der Hand, liefen mir bereits die ersten Polizisten wieder entgegen. Sie trugen einen ihrer Kameraden, der sich offensichtlich verletzt hatte. Begleitet wurden sie von einigen Fans, die die Beamten beleidigten und dazu aufriefen zu gehen. Wenige Meter weiter standen auf einer großen Freifläche mehrere Polizeiteams. Am Ende der Freifläche stand eine Art Menschenkette aus Fans, die im Sekundentakt mit Flaschen und Steinen schmiss. Die Beamten rannten los, versuchten die Fans festzusetzen. Danach zerschlugen sie Flaschen, um sie als Wurfgeschosse unbrauchbar zu machen. Ich muss dazu sagen, dass alles wahnsinnig schnell lief. Außerdem telefonierte ich nebenbei mit der Redaktion, um die Eindrücke zu schildern und versuchte, das Gesehene live zusammenzufassen. Kaum war ich fertig, sah ich den ersten Wasserwerfer anrücken. Dumm nur, dass ich gerade in die Richtung unterwegs war. Umdrehen war aber keine Option. Also lief ich noch ein paar Schritte weiter, beobachtete wie der Wasserwerfer versuchte ein paar Fans auseinanderzutreiben. Währenddessen führte die Polizei einige gewaltbereite Fans ab oder dokumentierte das Geschehene auf Video.

16:10 Uhr

Mir reichte es. Ich wollte mir nun einen ruhigeren Platz suchen, zumal sich die Lage wieder zuspitzte. Also ging ich einen kleinen Trampelpfad entlang der zu einem Imbiss/Biergarten-Areal führte. Ich staunte nicht schlecht, als ich mehrere Familien mit Kindern sah, wo die Eltern seelenruhig ihr Bier austranken und den "Ausschreitungen" zusahen. Richtig verarbeiten konnte ich das Gesehene aber nicht, ich wollte schließlich immer noch hinter die Absperrung. Also folgte ich meinem Instinkt und geriet leider genau in eine Fangruppe. Steine und Flaschen flogen über meinen Kopf. Ich suchte mir einen Baum unter dem ich etwas Schutz fand und die Situation weiter beobachten konnte. Ein Fan wurde durch die umherfliegenden Flaschen offenbar so sehr verletzt, dass er keine Luft mehr bekam. Seine Freunde forderten jedenfalls die Polizei auf, sofort einen Notarzt zu holen. Doch der Notarzt kam nur beschwerlich durch und zu diesem Zeitpunkt hatte es schon dutzende Verletzte gegeben. Dementsprechend wurden die Fans immer aggressiver, kamen den Beamten immer näher. Nach schätzungsweise drei Minuten war der Notarzt dann dar, lehnte sich über den Verletzten. Der riss auf einmal die Augen auf, stand auf und schrie den Beamten nur noch an. Für mich war es der Zeitpunkt, um zu gehen.

Wieso nur? Wieso?

Ich fand endlich einen ruhigeren Platz, telefonierte und berichtete vom Gesehenen und Erlebten. Die Ausschreitungen liefen aber weiter. Die Polizei versuchte die Versammlung aufzulösen, drängte die gewaltbereiten Fans immer weiter weg. Die Taktik schien klar. Was mich jedoch bis heute verdutzt sind die zahlreichen anderen Fans. Die, die eben nur feiern und keinen Krawall machen wollten. Warum sind die nicht einfach gegangen? Es ist ja eine Sache mit einem Fußballverein zu sympathisieren? Aber eine andere, neben gewaltbereiten Fans zu klatschen und zu pöbeln. Der Voyeurismus siegte an diesem Tag leider...

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